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Cut-Man

Im Einsatz für die Broncos, grossflächige Tattoos, fasziniert vom Kampfsport: Roger Rosenkranz ist eine facettenreiche Persönlichkeit. Und der 55-Jährige ist ein ausgezeichneter Cutman.


Man sollte aufpassen mit diesen Begriffen und sie nicht inflationär verwenden. Aber auf den Cutman Roger Rosenkranz, den alle «Dale» nennen, treffen die Bezeichnungen fadengerade zu. «Dale» ist ein Original, ein Charakter, vielleicht sogar eine Legende in seinen Kreisen. Das jedenfalls finden Menschen, die Roger Rosenkranz schon länger kennen. Er selber sagt: «Ich habe sicher nie ein ganz konventionelles Leben geführt. Aber alles, was ich mache, mache ich mit Leidenschaft.»


Rosenkranz hat viele Leidenschaften. Womöglich hängt das auch mit seiner kunterbunten Herkunft zusammen. Geboren wurde der 55-Jährige in Kanada, in der Heimat des Vaters, bald zog er in die Schweiz, die Heimat der Mutter. Dale ist sein zweiter Vorname, er erinnert ihn immer an Kanada. Aufgewachsen ist Rosenkranz im tiefsten Emmental, Fussball prägt auch seine Kindheit, er spielt beim FC Hasle-Rüegsau, begeistert sich fürs Kochen, absolviert eine Kochlehre. Früh aber wird eine Nahrungsmittelallergie bei ihm diagnostiziert, sie führt zu schweren Ausschlägen auf der Haut, er kann nicht länger in der Küche arbeiten. Er muss viele und starke Medikamente nehmen, auch Cortison, verliert aber nie den Glauben daran, trotzdem ein schönes Leben führen und den Körper selber steuern zu können. «Ich bin ein Kämpfer», sagt er. «Und mit einer guten Haltung kann man viele Hindernisse überwinden.»


Der Einsatz bei Angelo Peña


Seit dreissig Jahren ist Roger Rosenkranz in Bern zu Hause, er hat in der Stadt einen riesigen Bekanntenkreis. Weil er sich in mehreren Szenen bewegt und mit seiner herzlichen, tatkräftigen, kollegialen Art ausgesprochen beliebt ist. Zum Kampfsport kommt er Anfang der Neunzigerjahre, weil er trotz erheblichen körperlichen Beschwerden nicht tatenlos sein will. Er probiert im Laufe der Jahrzehnte vermutlich fast jeden Kampfsport aus, den es gibt, steht noch mit 45 Jahren als Thaiboxer selber im Ring, trainiert seinen Körper hart, weil ihm das ein gutes Gefühl gibt.


Und Rosenkranz entdeckt die Liebe zu Thailand, es ist sein Sehnsuchtsland. Dort entwickelt er auch eine Faszination für Tattoos, sein Körper ist bedeckt von vielen asiatischen Motiven. In Thailand sieht er an den Kämpfen, welche Bedeutung eine gute Betreuung der Fighter hat. Er findet, es sei eine schöne Sache, wenn man dafür sorgen könne, dass sich die Athleten wohlfühlen – und rutscht irgendwann in die Cutman-Bewegung rein. Als Cutman kümmert er sich während der Veranstaltungen um die Kämpfer, bandagiert sie, pflegt Wunden mit Eis, Adrenalin, Vaseline und verhindert manchmal, dass ein tiefer Cut zum Kampfabbruch führt.


So wie am letzten Boxing Day am 26. Dezember im Kursaal, als der Berner Angelo Peña bei seinem ersten Profikampf in der ersten Runde von einem Kopfstoss des Gegners getroffen wurde. Die Wunde blutete stark, in den letzten Sekunden der ersten Runde floss Blut in die Augen. Das sei sehr unangenehm gewesen, sagt Peña. «Aber der Cutman hat einen fantastischen Job gemacht.» Der Cutman, das war Roger Rosenkranz. Er sagt, er habe in der einminütigen Pause nicht viel Zeit gehabt. Es gehe bei tiefen Cuts darum, zuerst mit Eis und einem Kühleisen die Wunde zu behandeln. Dann halte er ein Wattestäbchen in Adrenalin und drücke es tief in den Cut rein, schliesslich komme auch noch Vaseline zum Einsatz. Mit kalten Tüchern auf der Stirne und über dem Hals werde zudem versucht, den Puls zu reduzieren. Im besten Fall platzt der Cut nicht mehr auf, selbst wenn der andere Boxer die behandelte Stelle natürlich unaufhörlich attackiert.


Investitionen in Weiterbildung und Material


Roger Rosenkranz spricht mit grosser Begeisterung und sehr ausführlich über seine Tätigkeit als Cutman sowie über sein Leben. Leider sei die Akzeptanz von Cutmen in der Schweiz auch beim Boxverband nicht besonders ausgeprägt, aber das werde sich in den nächsten Jahren hoffentlich ändern. Er selber nahm 2014 erstmals an Kursen teil, bildete sich selber in vielen Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten sowie Krankenpflegepersonal weiter, hat sich ein enormes medizinisches Wissen angeeignet. Mit Jürg Studer, dem Chef der Schweizer Cutman-Vereinigung, sowie dem Deutschen Markus Schwer, dem Präsidenten der World Cutman Association, habe er zwei ausgezeichnete Mentoren, sagt Rosenkranz. Und mit dem Österreicher Roland Aicher stehe er regelmässig im Austausch. Aicher gilt als – genau – Legende unter den Cutmen. Er investiert einiges, nicht nur Zeit, sondern auch Geld in Materialien und Weiterbildung. In der Schweiz seien seine Einsätze oft nicht besonders gut bezahlt, bei den Veranstaltungen von Leander Strupler am Boxing Day und im Stadttheater aber sei das anders. «Er ist ein Organisator, dem es wichtig ist, dass alle Beteiligten mit Respekt behandelt werden», sagt Rosenkranz. «Das gefällt mir.» Und Strupler sagt, Rosenkranz sei mit seiner motivierenden, professionellen, kompetenten Arbeitsweise ein wichtiges Puzzleteil an seinen Events. «Hätte er am Boxing Day nicht so toll reagiert, wäre Angelo Peñas Debüt wegen des Cuts möglicherweise nicht erfolgreich ausgegangen», sagt Strupler.


Vielfältig im Securitybereich im Einsatz


Auch am Stadttheater-Event wird Roger Rosenkranz im Einsatz stehen. Am liebsten im Hintergrund, weil er den Zuschauern nur dann auffällt, wenn ein Boxer zum Beispiel mit einer tiefen Wunde zu kämpfen hat. Er selber kennt sich mit Verletzungen und Krankheiten sehr gut aus, nicht nur wegen seinen schweren Allergien. Rosenkranz hatte Hautkrebs und eine heftige Darmverengung, seinen Körper plagen Abnutzungen an fast allen Stellen, die Schultern seien eigentlich kaputt, sagt er. «Aber ich beklage mich nicht, weil es anderen viel schlechter geht. Ich kann immer noch fleissig Kampfsport betreiben und meinen Jobs nachgehen.»


Weil sich Rosenkranz auch im Personenschutz umfassend ausgebildet hat, beispielsweise im Nahkampf und mit Schusswaffen, arbeitet er seit über zwanzig Jahren im Securitybereich. Er ist überall in der Stadt Bern unterwegs und auch sehr regelmässig für Broncos Security, ist ausserdem verantwortlich für die Sicherheit in mehreren Gebieten Berns.


Vielleicht gibt es also noch eine andere Bezeichnung, die für Roger Rosenkranz angemessen ist. Er ist ein «bunter Hund», überall bekannt, dabei liebenswürdig geblieben. Stets ist es ihm wichtig, dass sich die Leute sicher und gut fühlen können. Das gilt besonders für seine Tätigkeit als Cutman. «Es ist toll, darf ich die Karrieren von so grossartigen Boxern wie Alain Chervet, Angelo Peña oder Cristhian Martinez begleiten. Dafür bin ich dankbar.»


Fabian Ruch