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„Wer es nicht versucht, wird nie erfahren, was möglich gewesen wäre“

Bereits vier Kämpfe konnte Cristhian Martinez in diesem Jahr gewinnen. Der talentierte Kubaner trainierte dafür regelmässig in Bern, wohnt aber immer noch in der Slowakei. Mit dem Kampf am Berner Boxing Day geht für Cristhian Martinez ein Traum in Erfüllung.


Vor Wie war Ihr Jahr 2021 bisher?


Das Interesse an meiner Person freut mich sehr. 2021 war das schönste Jahr meines Lebens, selbst wenn die Welt wegen der Coronapandemie gerade sehr kompliziert ist. Im Sommer wurde unsere Tochter Charlotte geboren. Vater sein ist das schönste Gefühl der Welt, mein Leben hat eine ganz neue Dimension angenommen, ich spüre grosse Verantwortung und Dankbarkeit.


Gleichzeitig lancierten Sie in diesem Jahr auch Ihre Karriere als Profiboxer.


Genau, auch sportlich blicke ich auf aufregende Monate zurück. Es war immer mein Traum, Profiboxer zu sein, mit 26 Jahren habe ich es nun geschafft. Es war schwierig, während der Pandemie Wettkämpfe zu organisieren, aber ich durfte vier Fights bestreiten. Mein Promoter Leander Strupler hat es mir ermöglicht, erste Erfahrungen zu sammeln, ich boxte in München, in Basel, in Budapest.


Welches war Ihr bester Kampf?


Wir haben das Niveau und die Anforderungen von Kampf zu Kampf gesteigert. Und ich verbesserte mich auch jedes Mal, zuletzt in Budapest ging es ja über acht Runden. Ich bin sehr glücklich, konnte ich viermal gewinnen, das war ein guter Start. Aber mir ist auch bewusst, dass ich weiter Fortschritte erzielen muss. Taktisch vor allem, aber auch technisch, in der Vorbereitung, im mentalen Bereich. Das ist für mich eine erfreuliche Erkenntnis, zumal schon sehr viele Boxer bewiesen haben, auch im Alter von weit über 30 Jahren grosse Leistungen erbringen zu können. So gesehen stehe ich vor spannenden Zeiten.


Warum arbeiten Sie eigentlich mit einem Schweizer Promoter zusammen?


Das ist eine lange und witzige Geschichte. Ich war 2019 mit meiner Frau in Interlaken in den Ferien, wir besuchten Bekannte von ihr. Da zeigte mir jemand ein Video des Boxing Days in Bern, der ja von Leander organisiert wird. Mich faszinierten der Kursaal und die Ambiance. Jemand zeigte mir das Profil von Leander auf Facebook. Und dann schrieb ich ihn an, ohne grosse Hoffnung, aber man muss alles versuchen, um als Boxer weiterzukommen. Und dabei auch bereit sein, oft enttäuscht zu werden.


Wie meinen Sie das?


Oh, ich habe sehr viele Leute angeschrieben. Auf Social Media, aber auch mit Mails, mit Briefen, ich rief Promoter in zahlreichen Ländern an. Ich dachte immer, dass mir irgendjemand eine Chance geben würde. Darum trainierte ich selber auch immer weiter. Mit Gottes Hilfe, das war meine Überzeugung, würde ich bei den richtigen Leuten landen. Ich wäre damals bereit gewesen, überall hin zu gehen, um als Profiboxer aktiv zu sein. Nach Australien, in die USA, egal wo. Eigentlich rechnete ich nicht mit einer Antwort von Leander. Aber wer es nicht versucht, wird nie erfahren, was möglich gewesen wäre.


Wie ging diese Geschichte weiter?


Leander antwortete mir, wir trafen uns, waren uns sympathisch. So war das, und dann begannen wir darüber zu sprechen, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. Ich besuchte Leander in Bern, trainierte bei Alain Chervet in dessen Boxgym, konnte offenbar mit meinen Fähigkeiten überzeugen. Ja, und dann starteten wir trotz Corona meine Karriere. Und ich werde alles tun, um Leander, Alain und all die anderen Menschen, die mir geholfen haben, nicht zu enttäuschen.


Ihr fünfter Profikampf wird am 26. Dezember im Berner Kursaal am Boxing Day sein. Was bedeutet Ihnen das?


Sehr viel. Es ist Leanders Anlass, es ist eine grossartige Veranstaltung, es wird viele Zuschauer haben. Und es geht für mich darum, meine Fortschritte zu bestätigen. Natürlich will ich gewinnen, aber vor allem möchte ich den nächsten Schritt gehen. Mir ist bewusst, dass es Rückschläge geben wird, das gehört dazu, aber 2021 muss das noch nicht der Fall sein (schmunzelt).


Vor dem Kampf werden Sie in Alain Chervets Boxkeller zusammen mit einem Landsmann trainieren. Wie gut kennen Sie Pedro Diaz?


Er ist in unserer Heimat enorm populär, war ja mehrmals sehr erfolgreich als Trainer von Kubas Boxern an Olympischen Spielen. Es ist eine grosse Ehre für mich, mit ihm trainieren zu können in Bern. Ich versuche, möglichst viel Zeit in der Schweiz zu verbringen, aber es ist derzeit immer noch kompliziert mit meinen Pässen. Ich warte weiter darauf, die slowakische Staatsbürgerschaft zu erhalten.


Wie ist das Leben in der Slowakei?


Es geht uns gut, wir sind zufrieden, durch unsere Jobs können meine Frau und ich unser Leben finanzieren, ich arbeite Teilzeit in einem Gym. Natürlich verlaufen die Tage mit dem Baby anders, vor allem auch die Nächte (lacht). Doch ich habe genügend Zeit, um täglich stundenlang zu trainieren.


Sie sagten einmal, Ihr Traum sei es, in der Schweiz eine Boxschule zu eröffnen unter dem Namen „Sons of Cuba“. Ist das immer noch so?


Klar, das wäre überragend. So wie Alain Chervet in Bern. Aber ich bin kein Träumer, ich lebe in der Gegenwart, da warten genügend Herausforderungen. Ich war ja die Hauptfigur in der Dokumentation „Sons of Cuba“, damals war ich ein Bub. Es freut mich, dass ich so viele Jahre später immer noch als Boxer unterwegs bin. Mein Weg war beschwerlich, es war teilweise traurig und frustrierend und brutal. Aber ich gab nie auf. Darum denke ich auch, dass ich irgendwann eine Boxschule eröffnen kann. Vorher habe ich aber noch einige Ziele als Profi.


Was ist realistisch möglich für Sie in den nächsten Jahren als Boxer?


Auch hier: Man darf nicht träumen. Man muss hart arbeiten. Jeder Boxer möchte um einen WM-Titel kämpfen, das ist auch mein Ansporn. Aber wenn man die vielen kleinen Schritte nicht einen nach dem anderen geht, wird es auch nichts mit dem grossen Sprung in die Weltspitze.


Werden Ihre Kämpfe in Kuba eigentlich wahrgenommen?


In der Boxszene auf jeden Fall. Aber man hat in der Bevölkerung noch keine Kenntnis von mir genommen, dafür waren meine Kämpfe zu wenig bedeutend. Meine Familie und meine Freunde verfolgen meinen Weg genau, und mit jedem Sieg werde ich bekannter. Man muss aber auch wissen, dass es den Leuten in Kuba sehr schlecht geht. Es herrscht leider eine grosse Wirtschaftskrise, es hat wenig Jobs, es fehlt an Medikamenten und an Perspektiven. Viele Menschen haben auch zu wenig zu essen. Das ist eine traurige Entwicklung.


Wie stehen Sie eigentlich heute zu Fidel Castro, der jahrzehntelang Regierungschef in Kuba war?


Er ist kein Vorbild, er ist kein Held, das ist klar. Kommunismus wie in Kuba darf nicht existieren, es ist schlecht für das Volk. Nur wenige profitieren. Und das erst noch auf Kosten anderer.


Zum Abschluss würde uns interessieren:


Welche Bezeichnung wünschen Sie sich eigentlich als Boxer? „Son of Cuba“ wäre logisch. Aber ich mag „Latigo“, das ist Spanisch und heisst Peitsche. Das mag sich nun brutal

anhören, aber ich möchte, dass meine Boxschläge wie Peitschenhiebe sind für die Gegner und deren Fehler bestrafen. Nett und anständig darf und will ich abseits des

Rings immer sein.